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Bildquelle: Michael Sieber, Christoph Kaminski

«Die ersten fünf Lebensjahre sind extrem prägend»

Erziehung

Andrew Bond zählt mit über 700’000 verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Musikern der Schweiz. Der bekannte Kinderliedermacher unterhält die Jüngsten im Land nicht nur, sondern setzt sich auch aktiv für deren Förderung ein. Im Interview mit «Fokus Mein Kind» erzählt der ehemalige Sekundarlehrer, wie er seine Kindheit im Kongo, in England und der Schweiz erlebt hat.

Miriam Dibsdale

Andrew Bond, viele kennen Sie wegen Liedern wie «Zimetschtern hani gern» oder «Sunne-schtraal Tanz Emal». Wie wurde aus dem Sekundarlehrer Andrew Bond der Kinderlieder-macher?

Noch bevor ich eigene Kinder hatte, schrieb ich viele Songs für Jugendanlässe oder Kinderferienlager. Immer wenn irgendwo ein Song benötigt wurde, schrieb ich bekannte Lieder um oder komponierte neue. Als ich dann selbst Vater wurde, merkte ich, dass es zu vielen Themen noch gar keine Lieder gab. Also habe ich angefangen, selbst einige zu schreiben, und diese dann auf eine Kassette aufgenommen.

Wie kamen diese privaten Aufnahmen an die Öffentlichkeit? 

Mein Bruder und die Nachbarn haben mich nach Kopien gefragt. Leider war die Qualität der Kassette miserabel und nicht für die Verbreitung geeignet. Ein «Selfie» verwendet man schliesslich auch nicht für einen öffentlichen Katalog. Also entschied ich mich, eine CD aufzunehmen. Damals war es noch nicht möglich, diese zuhause zu brennen, und beim Presswerk betrug die Mindestauflage 300 Stück. Meine Frau hat mich dann, als ich aufgrund der hohen Anzahl absagen wollte, dazu ermutigt, diesem «teuren Hobby» dennoch nachzugehen. Eine der CDs landete beim Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, welcher mich anschliessend unter Vertrag nahm.

Ihre Lieder sind einerseits unterhaltend, haben meist aber auch einen tieferen Sinn. Was macht für Sie ein gutes Kinderlied aus?

Ein Lied ist vergleichbar mit einem Film: Richtig gute Unterhaltung bietet er, wenn er, neben herausragenden Darstellern und einer spannenden Handlung, Emotionen beim Zuschauer auslöst. Wenn er berührt, zu Tränen rührt oder für Hühnerhaut sorgt und nicht nur flaches Entertainment bietet. Das gleiche gilt für meine Lieder. Natürlich müssen sie auf eine lustige Weise unterhalten und schöne Melodien haben, doch sie sollen die Kinder (und Eltern) auch abholen und für sie Relevanz haben. Das kann ein Thema wie der Tod eines Haustiers sein oder die zwischenmenschliche Beziehung beim Schlitteln. Meine Lieder zeigen das ganze Leben. Es kann sowohl lustig als auch sehr ernst sein.

In den ersten Jahren passiert neurologisch so viel, das verschlafen werden kann. Die frühkindliche Förderung macht sehr viel aus.

Die Musikbranche hat sich in den letzten Jahren stark verändert.

Viele Dinge verändern sich aufgrund der Digitalisierung. Was bleibt, ist die Freude an der Musik. Wer nur Trübsal bläst und sagt, alles sei schlimmer, weil die Leute keine CDs oder gedruckte Noten mehr kaufen, der verkennt die Realität. Jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen, und darf sich nicht versklaven lassen.

Fällt es Ihnen leicht, Kinder zu unterhalten?

Wenn man Kinder versteht, ist es ein Leichtes, sie in ihrer Welt abzuholen und zu begeistern. Doch es gibt auch Kinderproduktion von Leuten, die Kinder nicht wirklich verstehen. Erst letztens habe ich ein Stück gesehen, in welchem die Schauspieler nach einer Telefonkabine gesucht haben. Kinder heute wissen aber gar nicht mehr, was das überhaupt ist. Ein Gespenst mit einem «SteinPad» hingegen ist für sie völlig einleuchtend und begeistert sie. Solche Finessen muss man bei der Produktion berücksichtigen.

Die ersten fünf Lebensjahre haben Sie im Kongo verbracht. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Der Alltag im Kongo unterscheidet sich stark von demjenigen hier. Wir waren immer unter freiem Himmel, ins Haus ging man eigentlich nur zum Schlafen. Das hat mich stark geprägt, deshalb fühle ich mich auch heute noch draussen am wohlsten.

Welche Rolle hat Musik gespielt?

Im Kongo habe ich zwar noch kein Instrument gespielt, doch laut meinen Eltern sei ich schon damals sehr musikinteressiert gewesen, hätte viel gesungen und auf Fässern herumgetrommelt. Musik hat uns verbunden und existierte nur live. Es gab keine Aufnahmen. Als ich das erste Mal einen Pop-Song aus Lautsprechern gehört habe, war ich sieben und bereits in England zuhause.

Wie haben sie die Jahre in England erlebt?

Ich bin im Norden Englands aufgewachsen und habe in einer Siedlung wie im Film «Billy Elliot» gelebt. Kleine Reihenhäuser, viele Arbeitslose, betrunkene Männer – Armut und Alkoholismus waren allgegenwärtig. Einer meiner Schulkollegen wurde von seinem eigenen Vater im Suff angegriffen. Er war gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen Gewalt gesessen hatte, und schlug betrunken den Kopf seines Sohnes gegen die Wand, was dieser nicht überlebte.

Können sie diese schrecklichen Bilder je vergessen?

Die Verwahrlosung, die in den frühen Jahren passiert, trägt man ein Leben mit sich mit. Obwohl ich selbst nicht betroffen war, haben mich diese Erlebnisse und Eindrücke stark geprägt.

Wie haben sie die Schule dort in Erinnerung?

Ich war ein guter Schüler und hatte Glück. Die Prügelstrafe existierte zwar offiziell noch, kam aber nur im Schultheater auf der Bühne noch gelegentlich vor. Woran ich mich noch bestens erinnere, ist die Einteilung der Schüler nach Stärke. Die lernschwächeren sassen zusammen an einem Tisch und wurden beschäftigt, während die stärkeren vom Lehrer aktiv gefördert wurden. Klar kann man dies Eliteförderung nennen, doch es ist ganz klar auch ein Schichtendenken. Schliesslich sassen sie nicht an den schwachen Tischen, weil sie dümmer waren, sondern weil sie von zuhause weniger Unterstützung erhielten.

Wie viel Einfluss haben die ersten Lebensjahre Ihrer Meinung nach?

Die ersten fünf Jahre sind extrem prägend. Man lernt nicht nur zu laufen und zu sprechen, sondern auch Dinge wie die Mimik in einem Menschengesicht zu lesen. In den ersten Jahren passiert neurologisch so viel, das verschlafen werden kann. Die frühkindliche Förderung macht sehr viel aus. Ich meine damit auch nicht, dass man die Elite mehr fördern müsste, sondern genau das Gegenteil: diejenigen, die mit Defiziten aufwachsen. Musik, Theater, Hörspiele und Bücher sind dabei ein gutes Hilfsmittel, um die Fantasie anzuregen und pädagogisch wertvolle Inhalte zu übermitteln. Wie sonst sollen die Kinder diese Dinge erleben? Durch das Fernsehen sicherlich nicht.

Ich war entspannt-autoritär und habe meinen Kindern gezeigt, dass es eine Grenze gibt, die es nicht zu überschreiten galt. Das war als Lehrer ebenso.

Was waren für Sie die grössten Herausforderungen bei der Erziehung?

Sobald das Kind auf der Welt ist, ist es abhängig von seinen Eltern. Doch schon sehr bald heisst es loszulassen, was nicht immer leicht fällt. Auch muss man sich selber Fehler verzeihen können und sich eingestehen, den Tonfall einmal nicht getroffen zu haben. Was ich im Nachhinein sagen kann: Am besten lief es, wenn wir Eltern selbst nicht gestresst waren und den Kopf frei hatten. Durch meine Teilzeitbeschäftigung hatte ich genug Zeit, und so konnten wir als Familie alles was von aussen kam, wie Krankheiten oder auch etwas happigere Sachen, in der Familie gut auffangen.

Wie würden Sie Ihren eigenen Erziehungsstil bezeichnen?

Ich war entspannt-autoritär und habe meinen Kindern gezeigt, dass es eine Grenze gibt, die es nicht zu überschreiten galt. Das war als Lehrer ebenso. Ich gab meinen Schülern Freiraum, auch um Kritik zu üben, doch Mobbing oder Sabotage des Unterrichts gingen zu weit. Was ich nicht verstehe, ist der Satz: «Wir bereiten den Nachwuchs aufs Leben vor.» Die Kinder stecken von Anfang an mitten im Leben und müssen sowohl Positives als auch Negatives bewältigen. Wir können ihnen dies nicht abnehmen, ihnen aber den Rücken stärken und sie auf ihrem Weg begleiten.

Gab es Zeiten, in welchen sich Ihre Kinder für die Eltern geschämt haben?

Klar, natürlich waren wir ihnen als Eltern peinlich. In meinem Büro hängt ein Zettel, auf welchem steht: «Wenn du nicht peinlich bist für deine Kids, lebst du nicht richtig.»

Sie sind Botschafter der Kampagne «Ready!». Worum geht es darin?

In der Koalition «Ready!» haben sich bedeutende Partner und Botschafter zusammengeschlossen, um Kindern von null bis vier Jahren in der Schweiz eine qualitativ hochstehende frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung zu ermöglichen. Dabei stehen nicht Frühchinesisch oder Geigenunterricht für Zweijährige im Fokus, sondern die Förderung von Kindern, die aus welchen Gründen auch immer, ausserfamiliäre Betreuung in Anspruch nehmen.

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