Maedchen von hinten

Es schadet Kindern, wenn in der Erziehung Gewalt ausgeübt wird

Kinder brauchen eine gewaltfreie Erziehung voller Liebe und Zuneigung

Erziehung In der Schweiz ist Gewalt als Erziehungsmassnahme immer noch weit verbreitet – und körperliche Züchtigung von Kindern ist hierzulande nach wie vor erlaubt.

Gerold Brütsch-Prévôt

Gerold Brütsch-Prévôt

Eine Szene auf dem Kinderspielplatz, irgendwo im Zürcher Oberland. Der Vater ruft nach seinem zweijährigen Sohn, der aber, vertieft in sein Spiel, nicht reagiert. «Du willst doch nicht, dass ich drei Mal rufen muss? Wehe, ich muss dich holen!» Versunken in seine Spielwelt hört der Kleine wieder nichts. «Drei, zwei, eins …», schreit nun der Vater, sichtlich erzürnt und rennt bei «eins» los, packt das Kind an den Armen und schüttelt es richtig durch. «Wenn ich rufe, will ich, dass du kommst. Und zwar sofort. Verstanden?» Der drei mal grössere und vier mal schwerere Vater hat sich durchgesetzt. Das Kind, mit weit aufgerissenen Augen, hat sich so erschrocken, dass es nicht einmal mehr weinen kann.
 
Trauriger Junge
 

Gewalt oder Erziehungsmassnahme?

Ist das nun eine erzieherische Massnahme, die jedem Kind gut tut, oder ist es bereits Gewalt? Die Antwort ist klar: es ist Gewalt. So wie ein Klaps oder eine Ohrfeige – obwohl das gemäss einer Studie des Instituts Ispopublic fast 70 Prozent der Eltern als Erziehungsmassnahme durchaus in Ordnung finden.

«Je länger und massiver Eltern Gewalt ausüben, desto höher ist das Gewaltrisiko bei Jugendlichen», hält Kinderschutz Schweiz im Positionspapier «Das Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt» fest. Wissenschaftlich sei längst bewiesen, dass Gewalt als Erziehungsmittel nichts taugt, sondern, im Gegenteil, schadet: Sie beeinträchtige das kindliche Selbstbewusstsein, könne die Entwicklung verzögern und störe die Beziehung zu den Eltern.

Gewalt nicht ausdrücklich verboten

Artikel 11 der Schweizerischen Bundesverfassung hält fest, dass Kinder und Jugendliche Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit haben. Im Widerspruch dazu ist in den schweizerischen Gesetzen die Anwendung von Gewalt in der Erziehung nirgends ausdrücklich verboten – anders als in 26 anderen europäischen Staaten, darunter auch Deutschland, Österreich und Liechtenstein.

Das heisst im Klartext: Wer einen Erwachsenen ohrfeigt, wird strafrechtlich verfolgt, wer ein Kind schlägt – auch Eltern – nicht oder oft erst zu spät. Diese rechtliche Ungleichbehandlung wird von der Fachstelle Kinderschutz Schweiz kritisiert. Das sei vor dem Hintergrund der besonderen Verletzlichkeit der Kinder und dem ihnen garantierten besonderen Schutz nicht akzeptabel.

Untersuchungen in Ländern, in denen Körperstrafen in der Erziehung explizit verboten wurden, zeigen, dass eine klare rechtliche Regelung die Einstellung der Bevölkerung zu Körperstrafen nachhaltig beeinflusst. Ein Verbot alleine führt dabei allerdings noch nicht zu einem positiven, gewaltfreien und partizipativen Umgang mit Kindern. Um dies zu erreichen, sind alle, die im Alltag mit Kindern zu tun haben, gefordert, sich aktiv mit ihren Erziehungsvorstellungen und Werthaltungen auseinanderzusetzen.
 
Laute Kinder nerven Vater
 

Und wenn die Hand ausrutscht?

Jede Mutter, jeder Vater kennt es: Kinder können gewaltig nerven. Wenn sie durchgehend die Konfrontation suchen, sich allem schreiend verweigern und sich das herzige, blondgelockte Kind plötzlich in ein kleines Monster verwandelt, das sich nicht mehr zähmen lässt – und weder mit geduldigem Zusprechen, Ablenkungsmanövern oder uneingeschränkter Aufmerksamkeit zu beruhigen ist.

Kommt dann noch der Druck der Öffentlichkeit dazu, die strafenden Blicke im Lebensmittelladen oder im Zugsabteil, wird die Gefahr, die Nerven zu verlieren und zuzuschlagen, zu schütteln oder auch nur zu kneifen immer grösser. Oder erst recht in den eigenen vier Wänden, im geschützten Raum, wo die Gewalt verdeckt stattfindet und das Kind den schlagenden Eltern noch schutzloser ausgeliefert ist.

Wie können solche Situationen verhindert werden?

Kinderschutz Schweiz führt in vielen Städten in der Schweiz Kurse durch, die vermitteln, wie man diese Situationen verhindern kann. Diese Kurse zeigen Handlungsmöglichkeiten auf, bei denen Gewalt als Reflex gar nicht aufkommt. «Starke Eltern – Starke Kinder» ist ein standardisierter Elternkurs, welcher das Modell der anleitenden Erziehung vermittelt.

Eltern werden unterstützt, ihre Rolle und Verantwortung wahrzunehmen. Kinder erziehen heisst, sie liebevoll zu leiten und zu begleiten. Die Kursteilnehmer/innen erhalten Informationen, können spielerisch etwas Neues ausprobieren, mit andern Eltern ihre Erfahrungen austauschen und mit einer Wochenaufgabe das Gelernte in ihrem Alltag üben.

So wird unter anderem vermittelt, wie man sich in Momenten, die zu eskalieren drohen, innerlich «abkühlen» kann. Gegen ein Kissen zu schlagen zum Beispiel, sich auf den Balkon oder ein Zimmer zurückzuziehen, tief durchzuatmen und bis 20 zu zählen, sich zur Ruhe zu zwingen und einen Kaffee zu machen, die Lieblingsmusik zu hören und mitzusingen oder sich einfach fest ins Ohrläppchen zu kneifen, um sich selbst daran zu erinnern, dass jetzt Ruhe und Gelassenheit angesagt ist.
 
Frau beruhigt sich mit Tee
 
«Mit diesen Tipps allein wird allerdings noch keine Nachhaltigkeit erreicht», sagt Petra Gerster-Schütte, Leiterin der Programmstelle «Starke Eltern — Starke Kinder». «Damit Eltern gerüstet sind für die schwierigen Momente im Erziehungsalltag wäre es wichtig, dass sie sich aktiv mit ihrer Haltung und ihren Wertvorstellungen zum Thema Erziehung auseinandersetzen.»

Nur dann sei es möglich, in einer anspruchsvollen Konfliktsituation die Kontrolle über die eigenen Handlungen zu behalten. Die genannten Tipps unterstützen den «Ausstieg» aus der Situation; aber ohne die Auseinandersetzung mit diesen Alltagssituationen finde die wütende Mutter oder der entnervte Vater oft den richtigen Moment nicht.