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Wenn das Wunschkind ausbleibt…

Gesundheit In der heutigen Zeit scheint fast alles möglich, wenn der Mensch es nur will. Dennoch zeigt uns die Natur immer wieder unsere Grenzen auf – sehr deutlich zum Beispiel bei der ungewollten Kinderlosigkeit.

Matthias Mehl

Matthias Mehl

Für viele Paare sind Kinder der Gipfel ihrer Liebesbeziehung, die Krönung ihres Lebensplans. Mittlerweile bleibt jedoch fast jedes sechste Paar ungewollt kinderlos. Laut Experten ist der Hauptgrund hierfür der gesellschaftliche Wandel: Immer mehr Frauen möchten zuerst Karriere machen, bevor sie Mutter werden. Je älter eine Frau aber ist, umso schwieriger wird es, spontan schwanger zu werden, und umso höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Aborts. «Jede Frau sollte wissen, dass die Fruchtbarkeit ab Mitte 30 rasch abnimmt», unterstreicht Helen Fontana, Mitgründerin des Zentrums für Reproduktionsmedizin IVF in Zürich, «viele meinen ausserdem, die Fortpflanzungsmedizin könne alles korrigieren.»

 

Auch unter optimalen Bedingungen beträgt die Schwangerschaftsrate nicht mehr als 20 bis 30 Prozent pro Zyklus. Es ist also noch kein Zeichen gestörter Fruchtbarkeit, wenn in den ersten paar Monaten ohne Verhütung keine Schwangerschaft eintritt. Untersuchungen haben ergeben, dass nur rund 60 Prozent der Paare mit Kinderwunsch in den ersten vier Monaten schwanger wurden. «Sterilität liegt definitionsgemäss dann vor, wenn nach einem Jahr ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eintritt», erklärt Fontana. Frauen über 35 sollten aber bereits nach einem halben Jahr erfolglosem «Probieren» eine diagnostische Abklärung treffen, Frauen ab 40 sogar sofort. «Auch bei einem unregelmässigen Menstruationszyklus sollte ein Arzt aufgesucht werden», rät Michael Singer, Fortpflanzungsmediziner in Küsnacht ZH. Die Schuld für ungewollte Kinderlosigkeit wurde früher meist nur bei der Frau vermutet – heute ist bekannt, dass die Ursachen bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich häufig auftreten. «In einem Drittel der Fälle liegt die Ursache bei der Frau: Häufig findet der Eisprung nicht statt, die Eileiter sind verschlossen, oder es liegt eine Endometriose vor», so Singer. In einem weiteren Drittel sind die männlichen Samenzellen der Grund: Häufig sind brüchiges Erbgut, eine zu geringe Menge oder Beweglichkeit der Spermien, oder es liegen zu wenige normal geformte Samenzellen vor. Im letzten Drittel der Fälle sind die Ursachen sowohl beim Mann als auch bei der Frau zu finden.

 

Was kosten die Abklärungen?

Die WHO anerkennt seit 1967 ungewollte Kinderlosigkeit als eigenständiges Erkrankungsbild. Die Grundversicherung in der Schweiz deckt die meisten medizinischen Abklärungen und konservativen Kinderwunschbehandlungen wie Hormonstimulationen und drei Inseminationen bis zum 40. Lebensjahr. Reproduktionsmediziner wünschen sich aber, dass auch die IVF endlich kassenzulässig wird – wie dies sonst fast überall in Europa der Fall ist. Aktuell betragen die Selbstkosten pro Versuch rund 6000 bis 8500 Franken.

 

Der Hälfte aller Paare kann bereits durch eine umfassende Untersuchung und Beratung sowie mit relativ einfachen Behandlungsmethoden zur Schwangerschaft verholfen werden; in vielen Fällen durch rein ursachenbezogene Behandlung. Grundsätzlich wird mit einer möglichst simplen Therapie begonnen, die die Privatsphäre des Paares nicht mehr als nötig beeinträchtigt. Auch die Komplikationsrate ist geringer als bei den aufwändigeren Verfahren. «Handelt es sich beispielsweise nur um ein Eisprungproblem, können Eisprung-fördernde Tabletten verabreicht werden», so Singer. Normalerweise wird mit einer Hormontherapie begonnen, welche einen unregelmässigen Zyklus stabilisiert, die Reifung der Eizellen unterstützt und den Eisprung auslöst. Die Wirksamkeit der Behandlung wird mit Ultraschall und Blutuntersuchungen kontrolliert.
Ist das anfängliche Verfahren nicht erfolgreich, wird Schritt für Schritt weiter versucht, das Symptom der ungewollten Kinderlosigkeit zu überwinden.

 

Die wenigsten Paare benötigen eine künstliche Befruchtung ausserhalb der Gebärmutter wie die In-vitro-Fertilisation (IVF) oder die Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Letztere stellt eine Verfeinerung der IVF dar, die Samenzelle wird direkt in die Eizelle gebracht. «Die gute Nachricht ist, dass rund 70 Prozent der betroffenen Paare mit der einen oder anderen Behandlung zum Erfolg kommen», hebt Florian Götze, Gynäkologe am 360° Kinderwunschzentrum Zürich, hervor. Allerdings brauche es oft viel Geduld, und diese Phase sei mit enormer psychischer Belastung verbunden. Zwar ist Unfruchtbarkeit selten auf rein psychische Faktoren zurückzuführen, doch kann Stress die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft weiter verringern. Europaweit werden inzwischen über 200 000 künstliche Befruchtungen pro Jahr durchgeführt. Trotzdem gibt es gewisse Risiken wie beispielsweise eine Überfunktion der Eierstöcke, was nach heutigem Wissensstand jedoch kein erhöhtes Krebsrisiko mit sich bringt. Bei der IVF trete eine solche Überstimulation aber nur bei einem Prozent der Fälle auf, betont Singer. Auch Mehrlinge mit erhöhten Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sind immer wieder ein Diskussionsthema. «IVF und ICSI sind grundsätzlich sehr sichere Methoden für das Kind», stellt der Reproduktionsmediziner fest, «verschiedene Faktoren wie Geburtsgewicht und seltene Fehlbildungen werden diskutiert. Über 95 Prozent der IVF-Kinder sind aber vollkommen gesund.» Probleme würden mehrheitlich mit der Vorgeschichte und dem Erbgut der Eltern zusammenhängen und weniger mit dem Verfahren im Reagenzglas.

 

Wenn auch nach intensiver Behandlung keine Schwangerschaft eintritt, ist es besonders wichtig, bei Bedarf Beratung und psychosomatische Betreuung in Anspruch zu nehmen, sowie auch über andere Lösungsmöglichkeiten nachzudenken. Eine Alternative wird beispielsweise vom Jugendamt bereitgestellt. Dieses vermittelt die Adoption oder die Pflege eines Kindes anderer Eltern.